und Deutschland – Vergangenheit und Zukunft

Breslau (Wrocław)

Breslauer Wappen

Breslauer Wappen

… ist eine flexible Stadt mit einem vielseitigen System wissenschaftlicher Institutionen und einem hohen Niveau künstlerischen Lebens in allen wichtigen Bereichen. Die Universität, die Technische Hochschule, die Ökonomische und Medizinische Akademie und die Hochschulen für Künste beeinflussen das Bild der Stadt. Vor allem aber die künst-lerischen Einrichtungen wie die Bresaluer Oper, Operette, Philharmonie, ebenso das Tomaszewskis Pantomimen-theater. Breslau, das ist nicht nur eine interessante Geschichte, Denkmäler der materiellen und geistigen Kultur. Es sind die Einwohner, von damals und von heute, dank ihnen ist die Stadt das, was sie ist, mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die erste Siedlung der schlesischen Slawen (Ślężanie) ist in der Nähe von Ostrów Tumski, an der Kreuzung der Handelswege vom Süden zur Ostsee und vom Westen nach Russland entstanden. Die polnische Vergangenheit der Stadt fängt mit einem christlichen Ereignis an.

Der erste polnische Herrscher, Mieszko I., der seine Braut Dobrawka aus dem tschechischen Geschlecht Przemyślidowie nach Gniezno führte, hat 965 in Breslau Halt gemacht, wo er sich taufen ließ und heiratete. Gemäß der zahlreichen Geschichtsquellen kann man vermuten, dass schon im Jahre 1000 Breslau eine große Siedlung war, was die Entscheidung des ersten polnischen gekrönten Königs, Boleslaw Chrobry (der Tapfere), hier ein Bistum (gleichzeitig in Kolberg und Kraków) zu gründen, deutlich beeinflusste. In Ostrów Tumski wurden eine Burg und eine Kathedrale gebaut. Die Fürstenburg, deren Wohn- und Wirtschaftsteile ca. 2.000 m² umfassten, wurde durch einen Schutzwall aus Baumstämmen und Eichenbalken mit Streben umbaut. Die Forscher stellten fest, dass man für den Festungsbau 50 Tausend Kubikmeter Material verwandt hatte.

Breslauer Dom, die Kirchtürme

Breslauer Dom, die Kirchtürme

Das größte Gebäude des mittelalterlichen Breslau war die St.-Johannes-der-Täufer-Kathedrale (Katedra Św. Jana Chrzciciela), 1037 zerstört und zwölf Jahre später durch Kazimierz Odnowiciel wieder aufgebaut. Trotz fehlender Spuren der ersten Kathedrale, weiß man, dass ihr Aufbau in der Zeit des Bischofs Walter von Mallone angefangen und unter Żyrosław II. (1169-1198) beendet wurde. Die heutige Gestaltung kommt aus der Wende des XIII./XIV. Jhr., als im Jahre 1224 die neue gotische Kathedrale zu bauen angefangen wurde. Das Hauptleben konzentrierte sich jedoch auf den Stadtmarkt, in dem Südteil hatten der Stadtrat und der Landvogt ihren Sitz. In den späteren Jahren, unter der Herrschaft der klugen und fleißigen schlesischen Fürsten des Geschlechts der Piasten von Władysław II. bis zu Henryk IV., wurde die Stadt noch mehr befestigt. Piotr Włostowicz, der Stadthalter des Königs Bolesław Krzywousty (Schiefmund), ein guter Wirt und ausgezeichneter Organisator, ließ den Orden St. Benedictus aus Tyniec nach Breslau kommen. Sein Sitz war das St.-Wincenty-Kloster, erbaut durch Włostowicz. Auf der Sandinsel (Na Piasku) baute er das St.-Marien-Kloster. Alle diese Vorhaben trugen dazu bei, dass die Stadt immer mehr an Bedeutung gewann. Nach der Wende vom XI. zum XII. Jahrhunderts war Breslau eine bedeutende Provinzstadt. Nach dem Tod des Bolesławs Krzywousty wurde sie Hauptstadt des schlesischen Landesteils. Seitdem entwickelte sich die Stadt immer besser und rasanter. Die Stadt hatte sehr lebhafte Handelsbeziehungen mit Flandern. Sehr gut organisiert war die Wallonengemeinde. Der Fürst Henryk Brodaty (der Bärtige) suchte für die Stadt die besten städtebaulichen Vorbilder und hatte der Stadt das Flämisches Handelsrecht Ius mercatorum erteilt. Das Recht beinhaltete Vorschriften für ausländische und inländische Händler sowie Vorschriften für den Bau der Handelskammer für die Aufsicht von Gewicht und Ausmaß. Das war ein wichtiges Element, ohne das die moderne Organisation einer Handelsstadt nicht möglich wäre. Die Pläne und alle städtebaulichen Arbeiten, als auch das technische Können, die in Planung und Teilung der Straßen, der Stadtteile und beim Markt zu sehen sind, deuten auf städtebauliche Entwürfe, die beim Bau der flämischen und brabanter Städte durchgeführt wurden. Sie sind auf eine ausgezeichnete Technik, breites Wissen und vielseitige Erfahrung zurückzuführen.

Altstadt

Altstadt

Die Absicht des Fürsten Henryk Brodaty, eine Hauptstadt zu bauen, die einen würdigen Sitz für den gemeinsamen Herrscher aller vereinigten Piasten-fürsten darstellen würde, fing man schon zu seinen Zeiten zu verwirklichen an. Das Bilden eines modernen Zentrums Breslaus fand vermutlich zuerst unter der Herrschaft seines Sohnes, Henryk I., ca. 1256 statt. Ab Dezember 1261 hatte die Stadt das Magdeburgische Recht* erhalten. Mit diesem Recht konnte man einen eigenen Rat, das Gerichtswesen in Schuldensachen und Nachlassverfahren sowie das Amt und die Gerichtsbarkeit des Landvogtes einführen. Das Amt des Stadtvogtes* gewann an Bedeutung und blieb ununterbrochen bis 1741 erhalten, als die Preußen Schlesien übernahmen. Im XII. und XIII. Jahrhundert kamen Händler aus verschiedenen Teilen der Welt nach Breslau, so entwickelte sich die Stadt zum Zentrum des internationalen Handels. Eine der inte-ressantesten Investitionen der Fürsten war ein Händlerhaus: „domus-mercanto-rum“, in der Mitte des XIII. Jahrhunderts erbaut, und darauffolgend eine Tuchhalle (Sukiennice). Im Jahre 1274 erteilte der Fürst Henryk IV. eine Genehmigung in Stein und Ziegel zu bauen. Die Einwohner, die dieser Genehmigung folgten, konnten mit steuerlichen Begünstigungen rechnen. Der Grund für eine solche Genehmigung war offensichtlich: häufige Brände, die die gesamten Holzteile der Stadt vernichtet hatten. Im Herbst 1290, nach dem plötzlichen Tod des Fürsten Henryk IV. und nach den Streitigkeiten um das Erbe zwischen den glogauer und liegnitzer Fürsten (beide mit dem Vorname Henryk), übernahm die Stadt- und Landesregierung letztendlich der liegnitzer Fürst, Henryk Gruby (der Dicke). Leider konnte er sich nicht viel für die Entwicklung der Stadt einsetzen, da er im Jahre 1296 plötzlich und unerwartet verstarb. Nach ihm folgte ein hervorragender Wirtschaftler, Bolko Schweinitzer (Świdnicki), als Thronfolger des schlesischen Fürstentums. Er war Gründer einer Kette von Festungen, die Schlesien vor dem Westen beschützen sollten, mutiger Initiator des Fortschritts in der Verwaltung und Armee. Gleich nach seinem Tod ist Breslau unter böhmische Schirmherrschaft bis 1311 geraten, also bis zur Regentschaft des Fürsten Henryk IV., der der Stadt neue Privilegien, unter anderem die Genehmigung zum Silberschmelzen erteilte, das wiederum führte zur eigenen Münzanstalt. Natürlich festigte das Bedeutung der Stadt, die zunehmend größer wurde und mit ihrem Schutzwall bildete sie eine der größten Burgen im damaligen Europa. Dieser Zeit verdanken wir, dass die polnischen Spuren nie wirklich verwischt wurden. Die polnischen Organisationen waren hier bis  1939 aktiv.

Hänsel und Gretel

Hänsel und Gretel

Im Jahre 1335 starb der letzte schlesische Fürst, Henryk IV., und das Fürstentum wurde, seinem letzten Willen entsprechend, von der böhmischen Königskrone abhängig. Die Situation in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts war für Breslau ausgesprochen ungünstig, denn es kam zu heftigen Auseinanderset-zungen um die Regierung der Stadt. Dieser Zustand wurde 1418 durch die Patrizier und Sigismund, dem Luxemburger, mit einer blutigen Unterdrückung des Volkswider-standes unterbrochen. Im Jahre 1471, nach dem Ableben des Königs Jerzy aus Podjebrat, wurde Władysław Jagiellon zum König der Böhmen und zum Schirmherr Breslaus gewählt. Die Patrizier der Stadt entschieden sich für Marcin Korwin als Stadtherren, jedoch brachte das der Stadt keinen Nutzen. Der Frieden und die allgemeine Verbesserung der Situation kamen in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts in die Stadt, nachdem der polnische Prinz Władysław, aus dem Geschlecht der Jagiellonen, die oberste Gewalt über Schlesien und Breslau übernahm. Władysław Jagiellon, auch „rex bene“ wollte in der Stadt mit einer Verordnung im Jahre 1505 eine Hochschule mit vier Fakultäten gründen: Die Protestaktionen der krakauer Professoren waren jedoch so stark, dass die Pläne nur Theorie geblieben sind. Nur die Kirchenschulen bei den Pfarrgemeinden Maria Magdalena und Elżbieta konnte man auf eine Gymnasialstufe heben. Um eine universitäre Einrichtung bemühten sich nochmals die Jesuiten im XVII. Jahrhundert. Auch diesmal war der Einwand wieder so groß, dass trotz der im Jahre 1702 unterschriebenen Genehmigung des Kaisers Leopold nur zwei Fakultäten funktionierten. Der Nachfolger Władysławs, Ludwik Jagiellon, ist 1523 bei Mohacz umgekommen. Sein Tod beendete die Herrschaft des Geschlechts der Jagiellonen in Schlesien.

Eine Gaslaterne

Gaslaterne

Nach der fruchtbaren Zeit kam die 220-jährige Herrschaft der Habsburger. Ihre mangelnde Toleranz, vor allem was Religionsangelegenheiten betraf, vertrieb derzeit sehr viele aufgeklärte Menschen aus Schlesien. Nach den drei Schle-sischen Kriegen (1741-1763) befand sich Breslau unter preußischer Herrschaft. Sofort wurde der Stadtrat abgesetzt und durch den Magistrat ersetzt; den Bürger-meister benannte der König selbst. Friedrich II. belegte die Stadt mit hohem Zoll, der Handel wechselte in Richtung Krakau über Mähren, Sachsen und Danzig. Schlesien mit seiner Hauptstadt wurde 200 Jahre preußisch regiert, erst im Jahre 1945 kehrte die Statdt zum Mutterland zurück. Unter der preußischen Herrschaft hatte die Stadt mit ihrem Schutzwall und mächtigen Bollwerken eindeutig einen militärischen Charakter. Nach der Besetzung Breslaus durch die Franzosen und gemäß Napoleons`Befehl, hat man die Festung auseinander-genommen und den Burggraben teilweise zugeschüttet. An diesem Ort hat man nun wunderschöne Spazierwege mit unzähligen Blumen und Bäumen angelegt. Nach dem Napoleonischen Krieg bemerkte man in der Stadt eine große Entwicklung in allen Lebensbereichen. Die Einwohneranzahl ist rapide angestiegen, es wurden die Bahnhöfe „Górnosląski“ und „Świebodzki“ gebaut und die Erbauung des Hauptbahnhofs (nach dem Projekt von Ing. Grapow), der als größter seiner Art im damaligen Europa galt, führte zur Eröffnung von mehreren Hotels, Läden und ebenso Restaurants. Breslau wurde um ein sehr modernes Gebäude bereichert. Zuerst galt es als polnisches Theater, heute befindet sich dort die Oper. Eines der innovativsten Ereignisse war die Einführung der Straßengasbeleuchtung, dann folgten Straßen-bahnen, zuerst wurden sie mit Pferden gezogen, später jedoch wurden sie elektrisch betrieben. Mit der Fusion der Firmen Linke und Hoffman ist die Waggonfabrik AG entstanden, die den Anfang der Pafawag (heute Bombardier Transportation Polska GmbH) des größten Bresaluer Industriewerks bildete.

Kaufhaus PeDeT

Kaufhaus PeDeT

Am Ende des XIX. Jahrhunderts entstand in der Stadt ein neuer Stil in der Architektur. Eine deutsche Art von Sezession, im Sinne des Jugendstils. Zu den interessantesten Gebäuden dieser Zeit gehörten die Kaufhäuser am Markt und Bauten in seiner Nähe. Anfang der Dreißiger zeigt sich in Breslau häufiger ein pompöser Klassizismus – Bauten der Bewegung – der für das III. Reich so charakteristisch war. Er bescherte der Stadt monströse gemeinnützige Objekte, beispielsweise den heutigen Sitz des Landesamtes und den Gebäudekomplex des Gerichts am Stadtgraben. Die sich schnell entwickelnde Breslauer Industrie stellte sich in dieser Zeit auf die Produktion von Kriegsausstattung um.

Im September 1939 war Wrocław einer der direkten Angriffspunkte Hitlers Aggression auf Polen.

 

 

Barbara H. Seemann – Trojnar
Übersetzung: Katarzyna Schilling – Sperber
Fotos: KT
© Versus POLEN

 

 

 

* das Magdeburger Recht ist eine Form des Stadtrechts, die ihren Ursprung in der Stadt Magdeburg hat und von dort aus erheblichen Einfluss auf das Stadtrecht in Ostmittel und Osteuropa entfaltete

* der Stadtvogt vertritt die Stadt, grundsätzlich ist ein Vogt der Ansprech-partner für die Mitbürger der Stadt

 

 

Bibliografie
Bogdan Zdrojewski: Breslau – eine wirtschafts- und gesellschaftliche Landschaft
Doc. dr Tadeusz Łepkowski: Kleines Wörterbuch der Geschichte Polens
Bogdan Snoch: Władysław II – der Ahn der schlesischen Fürsten
Marek Karpf, Maciej Wilczek: Wrocław, eine Fotografie der Stad