und Deutschland – Vergangenheit und Zukunft

Der Weg zur Unabhängigkeit

Die Jahre 1890-1914 galten unter politischen Gesichtspunkten immer noch als Zeiten der Unfreiheit und dennoch haben sie grundlegende Veränderungen mit sich gebracht. Die Ursache jener Veränderungen war eine massenhafte Entstehung von politischen Strömungen, wie z.B. von einer Arbeiter-, Bauern- oder Nationalbewegung. Zur Tagesordnung gehörte zunehmend die Frage nach dem Kampf um die Unabhängigkeit, eine Frage, die in der Periode des Positivismus im Schatten [anderer Probleme] stand. Die russische Revolution im Jahre 1905 fungierte als Vorbote des sozialen Wandels, des Krieges, des Niedergangs des Zaren und [letztendlich] der Befreiung Polens. Ein ebenso doppelter Charakter zeichnete kulturelle Ereignisse dieser Periode aus-als Reaktion auf den Positivismus entstand die an die Romantik anknüpfende Richtung Junges Polen (1890-1918), die frische Ideen für Literatur und Malerei mit sich brachte.

Das alltägliche Leben des beginnenden XX. Jahrhunderts war durch Erfindungen geprägt, von denen das XIX. Jahrhundert nicht mal träumen konnte: das Flugzeug, das Auto, die Entwicklung des Films. Kunst, Wissenschaft und Literatur waren gleichermaßen vom radikalen Wandel betroffen wie die gesamte Lebensart und die materielle Kultur der Zeit. Es kam zur Popularisierung des politischen Lebens, was gewissermaßen dem Umstand zu verdanken war, dass sowohl Kultur als auch Presse an Einfluss gewonnen hatten; das XIX. Jahrhundert war nämlich das Jahrhundert der Zeitungen. Dank der Presse, die oft üppig illustriert war, kam es zu einer immer schnelleren Verbreitung von Informationen, immer breitere Gesellschaftskreise erfuhren von Ereignissen, welche die gesamte Welt bewegten. In Städten wurden mehrere politische Tageszeitungen herausgegeben und ihre Lektüre glich einem Unterricht in der Geschichte, der Politik sowie in der Kultur. Die Presse übte einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Selbstbewusstseins jener Generation aus, die nach Jahren endlich ein freies Polen erleben konnte. Die Meinung, das XIX. Jahrhundert reichte in Europa bis in das Jahr 1914 hinein, ist bis heute weit verbreitet.

Seit dem Beginn des XX. Jahrhunderts gab es im preußischen Teilungsgebiet keine Analphabeten mehr, in anderen Teilungsgebieten sank ihre Zahl. Es war die Blütezeit der Dorfschulen. Die Revolution von 1905 machte die Entwicklung von privaten Oberschulen in Kongresspolen und in Galizien möglich, in denen der Unterricht auf Polnisch angeboten wurde. Auch das Schulwesen für Frauen entwickelte sich weiter. Im Gegensatz zu Kongresspolen, wo überwiegend private Oberschulen sehr kostspielig waren und daher den Intelligenz- und Gutbesitzerkindern zugänglich waren, wurden die Schulen in Galizien von Jugendlichen aus Arbeiter- und Bauernfamilien besucht. In allen geteilten Gebieten gedieh das Hochschulwesen. Polen studierten in Westeuropa und Russland. In der Periode Junges Polen kam es zu einer großartigen Entwicklung des Theaters, die führende Rolle spielte hierbei Krakau. Es war auch die Zeit der Entstehung eines Aktivistenkaders aus Bauern- und Arbeiterschichten, die auf dem Lande solche Einrichtungen wie Arbeitszirkel, Feuerwehren oder Gesangvereine gründeten. Ohne die Unterstützung der Aktivisten hätten sie gar nicht funktionieren können. Der gesamte Wandel ist auf die Eigeninitiative der Gesamtbevölkerung zurückzuführen, er fand unabhängig von den politischen Überzeugungen und im Namen der polnischen Frage statt. Die „polnische Frage“, d.h. ein unabhängiger Staat nach 1918, wäre undenkbar gewesen, wenn der Grundstein für diese Entwicklung nicht kraft fieberhafter Anstrengung der Bevölkerung in allen drei Teilungsgebieten vorher gelegt worden wäre.

Die Teilung Europas in zwei antagonistische Lager, die durch militärische Abkommen verbunden waren, führte zu einer Situation, in der jeder nicht beigelegter lokaler Konflikt die Ursache für einen Weltkrieg hätte sein können. Als am 28. Juni 1914 der Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Ehefrau von einem serbischen Nationalisten ermordet wurden, nutzte Österreich-Ungarn den tragischen Vorfall, um Serbien mit voller Unterstützung Preußens am 28. Juli den Krieg zu erklären. Zwei Tage später mobilisierte Russland eigene Truppen und eilte Serbien zur Hilfe herbei. Am 1. August hat Deutschland Russland den Krieg erklärt, am 3. August zog Frankreich in den Krieg, am 4. August England. Es war der Beginn des I. Weltkrieges. Vom Anfang an ahnte man, dass dieser Krieg über Polens Schicksal entscheiden würde. Als ob es nicht genug wäre, dass der Krieg auf polnischen Gebieten stattgefunden hat, wurde darüber hinaus die polnische Bevölkerung, die ja in drei verschiedenen Teilungsgebieten lebte, zum wiederholten Male auf eine harte Probe gestellt: Sie musste die Uniform der unterschiedlichen Besatzungsmächte anziehen und gegen eigene Landsleute kämpfen. Bald zwang der Krieg auch alle in den Konflikt involvierten Parteien, Stellung im Hinblick auf die polnische Frage zu beziehen.

Józef Piłsudski

Józef Piłsudski

Der Mord am Thronfolger in Sarajewo fand in Galizien großen Anklang, ohne zugleich in einen fieberhaften Kriegswahn zu münden. Es war der Beginn der Sommer-ferien, auch die polnische Regierung zeigte keinerlei Reaktionen. Erst Ende Juli kam es zur Versammlung des Parteirates von PPS, am nächsten Tag wurde ein außerordentliches Plenum von KSSN einberufen, an dem u. a. Piłsudski teilnahm. Es wurde beschlossen, Geldrücklagen aus Banken zurückzuziehen und sie Piłsudski zu übergeben sowie eine Delegation nach Wien zu entsenden und mit der Mobilisierung zu beginnen. Während der Vertreterkon-ferenz von den wichtigsten militärischen Organisationen, die am 29. Juli 1914 stattfand, hat man sich darauf geeinigt, eine einheitliche Armee aufzustellen und eine militärische Organisation als politische Führungseinheit anzuerkennen. Auf dieser Grundlage wurde KSSN zum politischen Vertreter der polnischen Militärbewegung gewählt, Piłsudski erhielt das Hauptkommando, ihm wurden auch die Polnischen Schützenein-heiten unterstellt. Man begann mit der Mobilisierung [der polnischen Bevöl-kerung] und damit mit dem Kampf um die besten Befehlshaber, die in der Regel von Teilungsmächten in deren eigene Armeen eingezogen worden waren. Zu Hauptzentren der Mobilisierung gehörten Lemberg und Krakau, wo sich in Rekordzeit viertausend Freiwillige meldeten.

Piłsudskis Kriegsvorbereitung umfasste zwei Bereiche: das Militär und die Politik. Er analysierte die politische Lage und versuchte, alle Optionen für den weiteren Verlauf der Ereignisse sowie für mögliche Strategien bezüglich der Kriegsführung zu berücksichtigen. Am 16. August 1914 wurde in Krakau die Gründung der Polnischen Legionen bekanntgegeben. Als höchste Instanz in Fragen des Militärs, der Finanzen und der politischen Organisation von Streitkräften fungierte das zum gleichen Zeitpunkt einberufenen Nationale Hauptkomitee, das mit Wien zusammenarbeiten und einen Schutzschirm über den Legionen bilden sollte (Janusz Cisek; Piłsudski, S. 85). Piłsudski übernahm die Führung eines Regiments, das zur Westlichen Legion gehörte (spätere I. Brigade). Wie sich kurze Zeit später herausstellte, war diese Einheit seinem Befehlshaber blind ergeben.

Der Frühling 1915 brachte die für Polen entscheidenden Ereignisse mit sich. Im Mai 1915 durchbrachen die österreich-ungarischen Truppen die russische Frontlinie in der Nähe von Görlitz, nahmen Galizien ein und marschierten in die Gebiete um Lublin herum ein. Im August erreichten die Deutschen Warschau, im September Vilnius. Das gesamte polnische Gebiet befand sich unter der Kontrolle der Mittelmächte, leider hat Franz Josef I. keine Stellung im Hinblick auf die polnische Frage bezogen. Damit hat er die einmalige Verbundenheit der Polen mit der Monarchie nicht genutzt. Nur im preußischen Teilungsgebiet war Polen nämlich die Möglichkeit gegeben, hohe Ämter zu bekleiden und sich weiter zu entwickeln. Dies war der Grund, warum sie ihre gesamte Hoffnung in dieses Land gesetzt haben.

Österreich-Ungarn hat endlich die Rolle der Legionen richtig eingeschätzt und stimmte dem Zusammenschluss aller drei Legionenbrigaden zu. In blutigen Kämpfen nahe des Dorfes Kostiuchnówka im Herbst 1915 zeichneten sich die Legionen durch ungewöhnliche Tapferkeit und Unerschrockenheit aus. Die Deutschen, die im größeren Maße als die Österreicher die Tapferkeit der Polen zu schätzen wussten, nannten sogar einen hart umkämpften Berg „Polnischer Berg“, um die Legionen zu ehren. Im Frühling 1916 kam es erneut zu erbitterten Kämpfen in der Nähe des gleichen Dorfes. Die I. und die III. Brigade stellten sich einem Gegner, der um Längen stärker und besser gerüstet war. Sie wurden durch die Honvéd Brigade und die Kavallerie unterstützt. Als die österreichisch-ungari-schen Truppen dem Angriff nicht mehr Stand halten konnten und panikartig die Flucht ergriffen, haben die Polen alleine die Frontlinie halten können, indem sie die wiederholten Angriffsversuche des Gegners abwehren konnten, was die Russen daran gehindert hat, die Front zu desorganisieren. Die Verluste waren enorm, aber die geführten Schlachten und die effektive Abwehr hat den Ruhm der Legionen verfestigt.

Am 20. September 1916 hat Österreich den Polnischen Hilfskorpus ins Leben gerufen. Seine Uniform sollte sich von der österreichischen unterscheiden, die Standarten waren polnisch. Deutschland und Österreich, die sich vor Piłsudski sehr fürchteten, haben Piłsudski als Befehlshaber nicht anerkannt, am 27. September 1916 stellten sie ihn unter Polizeiaufsicht. In dieser Situation blieb ihm nichts anderes übrig, als passiv die Entscheidung der Großmächte in der polnischen Frage abzuwarten. Am 4. November hat Franz Josef I. ein Reskript herausgegeben, das Galizien ausgliederte. Am 5. November wurde bekanntge-geben, dass ein polnischer Staat mit einer erblichen Monarchie, einer Verfassungsform sowie einer eigenen Armee gegründet worden ist. Am 25. Dezember hat der Zar beschlossen, ein freies Polen zu erschaffen, das aus drei zu dieser Zeit getrennten Provinzen bestehen soll (Janusz Cisek; Piłsudski, S. 110-111). Anfang Dezember 1916 wurde ein Provisorischer Staatsrat ins Leben gerufen, zu dem auch Piłsudski gehörte. Mit der Revolution in Russland im März 1917 verlor die Westfront vollständig an Bedeutung.

Dämmerung bricht über Europa ein und zu unseren Zeiten werden wir den Tageseinbruch nicht mehr erleben, soll mal der Staatssekretär des Vereinigten Königreiches, Sir Edward Grey, gesagt haben, nachdem er die Nachricht vom Kriegsausbruch erhalten hatte. Für Polen bedeutete aber der Kriegsausbruch den Einbruch der Träume über ein unabhängiges Polen und die Rückkehr des Landes auf die europäischen Landkarten (Janusz Cisek; Piłsudski, S. 82).

Weißt  Du, dass

… die Polnischen Legionen eine im Jahre 1914 gegründete und auf der Seite der Mittelmächte ge-gen Russland kämpfende Militärformation waren. Im Laufe der Zeit wurden die Legionen in drei Brigaden unterteilt: I. Brigade unter dem Kommando von Józef Piłsudski, II. Brigade unter dem Kommando von Józef Haller, III. Brigade unter dem Kommando von Bolesław Roja

… szczypiorniści bedeutet umgangssprachliche Bezeichnung der Handball-Spieler; kommt von der Ortschaft Szczypiorno, wo nach der Eidesverweigerung der neu gegründeten Polnischen Wehrmacht die Schützen der I. Brigade von Piłsudski interniert waren. Die Eidesformel besiegelte eine Waffenbrüderschaft mit den Mittelmächten, was für Piłsudski-Anhänger unakzeptabel war

 

 

Barbara H. Seemann – Trojnar
Übersetzung: Dr. Karolina Brock

 

 

* Junges Polen ist die Bezeichnung für eine Richtung des Modernismus in der polnischen Literatur, Musik und Kunst

* LP  – Polnische Legionen (Legiony Polskie)

* KSSN – Kommission der Vereinigten Unabhängigen Parteien (Komisja Skonfederowanych Stronnictw Niepodległościowych)

* Honvéd Brigade -XI. Korpus von Österreich-Ungarn

* PPS – Polnische Sozialistische Partei (Polska Partia Socjalistyczna)

 

 

Bibliografie
Janusz Cisek: Piłsudski
Janusz Wałek: Geschichte Polens in der Malerei und Poesie
Doc. dr Tadeusz Łebkowski: Kleines Wörterbuch der Geschichte Polens