und Deutschland – Vergangenheit und Zukunft

Enigma

Enigma

Enigma

Was war Enigma? Wie hat man sein Geheimnis gelöst und wie kam es zu dem Informationsaustausch zwischen Sicherheitsdiensten von Frankreich, Polen und England? Nach der langsamen, bis heute dauernden Enthüllung des Archivs des Zweiten Weltkrieges stellten die Historiker fest, dass die Lösung des Enigma-Rätsels die Rolle des sprich-wörtlichen Züngleins an der Waage spielte, das die Schale des Sieges auf die Seite der Verbündeten drehte. Das Lesen der deutschen Meldungen während des Krieges und in den Nachkriegszeiten wurde mit strengster Geheim-haltung bedeckt. Um so mehr war der polnische Anteil an der Lösung des Enigma-Geheimnisses unbekannt.

Im Jahre 1918 patentierte Arthur Scherbius eine Chiffremaschine, später „Enigma“ genannt. Die geplanten Nutzer dieser Maschine sollten große Firmen, Postämter und andere staatlichen Institutionen sein, die ihre Korrespondenz schützen wollten. Anfangs hatte die deutsche Armee kein Interesse daran, die Chiffremaschine anstatt des damals gängigen Handcode einzusetzen. Jedoch die Remilitarisierungspläne der Weimarer Republik und die Tatsache, dass der englische Sicherheitsdienst die deutsche Korrespondenz während des Ersten Weltkrieges regelmäßig knackte und las, überzeugten die deutschen Führungskräfte, den maschinellen, Sicherheit garantierenden Code einzu-setzen. Eine verbesserte Enigma – Version erschien in der Ausstattung der deutschen Armee erstmals in der Marine 1926, zwei Jahre später bei den Bodentruppen. Man glaubt, die deutsche Armeeführung erwarb absichtlich die zivile Ausführung der Enigma und adaptierte sie dann für militärische Zwecke, um die Aufmerksamkeit der Sicherheitsdienste anderer Länder nicht zu wecken. Und eine Zivil – Version der Maschine war ohne Schwierigkeiten auf dem Markt zu finden. Die Wende im Schwierigkeitsgrad der Maschine kam 1930, als man für die Bedürfnisse der wachsenden Reichswehr eine neue leistungsfähigeres Enigma – Fabrikat entwickelte. Sie wurde um eine so genannte Zentrale erweitert, die die Zahl der Chiffrierungen unheimlich vergrößerte. In den nächsten Jahren, in denen sich die Deutschen intensiv auf den Krieg vorbereitet haben, wurde die Chiffremaschine mehrmals modifiziert, um die Entziffer-möglichkeiten zu minimalisieren.

Nachdem Polen seine Unabhängigkeit wieder gewann, bildete man in der polnischen Armee eine Abteilung, die die Meldungen der Nachbarländer abfangen und lesen sollte. Diese Aufgabe sollte der Oberleutnant Jan Kowalewski erfüllen, ein junger begabter Ingenieur, der viele Fremdsprachen beherrschte. Das von ihm gebildete Chiffrebüro erwartete eine große Herausforderung. In Deutschland blühten wieder Nationalbewegungen auf, die Bedeutung der deutschen Armee wurde immer größer. Der Nachfolger von Kowalewski, der Major Franciszek Pokorny, stellte sich einer schwierigen Aufgabe, der Beobachtung des westlichen und östlichen Nachbars. Anfangs bereiteten die intensiven Abfang- und Lesearbeiten der politischen Meldungen der beiden Nachbarländer und die weitsichtige Politik der Armeeführung keine Schwierigkeiten. Bis 1926 wurden die deutschen und die sowjetischen Codes regelmäßig entziffert. 1926 jedoch änderte sich die Situation, als die deutsche Marine ihre Meldungen maschinell kodierte. Im Juli 1928 wurden auch die Meldungen der deutschen Bodengruppen für den polnischen Sicherheitsdienst ein unlösbares Rätsel.

Enigma

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Die polnische Führung glaubte, und das mit Recht, dass diese dramatische Änderung mit der Einführung der Ziffermaschine verbunden war und kaufte eine auf dem deutschen Markt gängige Handelsversion des Enigma. Die Maschine brachte man nach Polen. Das genaue Betrachten der Maschine und Versuche des Kapitäns Maksymilian Ciężki und des Oberleutnants Wiktor Michałowski, die abgefangenen Meldungen zu entziffern, brachten keinen Erfolg. Im Januar 1929 organisierte man im Auftrag des Hauptstabes der polnischen Armee im Institut für Mathematik an der Universität Posen einen Kryptographie-Kursus, der von dem Major Pokorny, Kapitän Ciężki und Ingenieur Antoni Palluth geleitet wurde. Die Aufgabe des Kurses war ausgezeichnete Mathematikstudenten dieser Richtung zu finden. Die Auslese war simpel: Während eines Unterrichts gab der Kapitän Ciężki seinen Studenten einen deutschen Code zum Entziffern. Nach einigen Stunden gelang es drei Studenten Marian Rejewski, Jerzy Rόżycki und Henryk Żygalski den versteckten Text zu lesen.
Die ausgesuchten Talente versuchten in den Räumen der Kommandantur der Stadt Posen die deutschen Chiffren zu entziffern. In der Anfangsphase stammen die zum Entziffern abgefangenen Informationen hauptsächlich aus der Funkstation bei Posen. Oft bearbeitete man die Informationen aus den Stationen in Warschau, Starogard Gdański und Krzesławice (bei Krakau). Den drei begabtesten – Rejewski, der Mathematik an der Uni Posen lehrte, und den zwei frischgebackenen Absolventen der Uni, Rόżycki und Żygalski – bot man eine Dauerbeschäftigung in dem Chiffrebüro des Generalstabes der polnischen Armee in Warschau an. Eine neue Etappe im Kampf gegen Enigma brach an. Obwohl der Weg des Entzifferns der maschinell kodierten Meldungen sehr schwer schien, brachte die  Gruppe der jungen Kryptographen den ersten Erfolg, indem sie den 4-Buchstaben-Code der deutschen Marine entzifferte. Die Leiter des Chiffrebüros bemerkten die großen Möglichkeiten dieser Gruppe und entschieden sich sie in dem schwersten Kampf zu prüfen. Dem ältesten von den dreien – Marian Rejewski – stellte man alle, in den letzten Jahren gesammelten deutschen Meldungen zur Verfügung und bat um eine genaue Analyse. Mit Sicherheit glaubte man damals nicht an eine schnelle Lösung des Rätsels, aber an eine versteckte Eigenschaft, die hilfreich beim Entziffern sein könnte.

Marian Rejewski

Marian Rejewski

Rejewski, der im Besitz einer Handelsversion des Enigma und der deutschen Meldungen war, bemerkte schnell gewisse Merkmale, die er in ein Permutationsgleichungs-system fasste. Obwohl die Unbekanntenzahl eine Gleichungslösung ausschloss, brachte die Tatsache der Anwendung der höheren Mathematik eine Wende im Entziffern der maschinell erstellten Chiffren. Rejewski wurde der “Vater” der modernen kryptongraphischen Angriffe genannt. Der Leiter des Büros, Major Gwidon Langer, gab Rejewski vier vom französischen Sicher-heitsdienst abgefangene Dokumente: ein Bild der Militärversion des Enigma, eine Bedienungsanleitung des Enigma und zwei seit einem Jahr ungültige Schlüsseltabellen. Aufgrund dieser Informationen gelang es Rejewski eine gewisse Unbekanntenanzahl in den Permutationsgleichungen zu reduzieren. Sie reichte aber nicht aus, um das größte Enigma-Geheimnis zu lüften: innere Verbindungen zwischen den Laufrädern im Apparat. Der größte Erfolg von Rejewski war eine Deduktion der inneren Verbindungen eines Enigma-Laufrades. Doch das Geheimnis der ganzen Maschine blieb immer noch unaufgelöst. Ein von dem französischen Sicherheitsdienst gelieferter Schlüssel half die Verbindungen des zweiten Laufrades zu entdecken. Leicht fand man auch die Verbindungen des dritten Laufrades. Bei drei aufgelösten Verbindungen wurde es möglich die deutschen Meldungen zu entziffern. Seit den ersten Januartagen 1933 war das Chiffrebüro im Stande, fast alle deutschen Meldungen zu lesen. Man schätzt, dass bis Dezember 1938 Tausende mit Enigma kodierte Meldungen gelesen wurden.

Polen war das einzige Land auf der Welt, das solche Möglichkeit besaß.

Mitte Dezember 1938 setzten die Deutschen zwei zusätzlichen Laufräder ein. Die Polen brauchten jetzt zum Entziffern zehn mal so viel so genannte “Bomben”. Das waren von Jerzy Rόżycki entworfene und in dem Warschauer Betrieb AVA hergestellte Zyklometermaschinen eine ursprüngliche Laufradlage fanden. Doch die Herstellung von 60 zusätzlichen “Bomben” und mindestens 60 arbeitsaufwendigen, perforierten Papierblättern, so genannten “Zygalski-Decken”, überschritt sowohl die finanziellen als auch die technischen Möglichkeiten des Chiffrebüros bei weitem. Warum konnten die anderen Länder mit großen Dekodierungstraditionen das Geheimnis der Enigma nicht lösen? Nach den Erfolgen der französischen Kryptographen in den Jahren 1914-1918 und einem regelmäßigen Lesen von Geheimmeldungen in mindestens zehn anderen Ländern in den 20-ger Jahren hatte Frankreich kein Interesse sich der Gruppe der jungen Mathematiker anzuschließen. Es war ein Fehler, denn nur eine gemeinsame Handlung konnte zum Erfolg führen. England, ein Land mit großen Dekodierungstraditionen, war auch nicht im Stande den Enigma-Code zu knacken. Mangel an Phantasie und Willen an Zusammenarbeit in Frankreich und England waren die Ursachen dafür, dass nur Polen und die polnischen Kryptographen das deutsche Rätsel gelüftet haben. Also hätten ohne polnische Zuarbeit die zwei mächtigen Staaten den Krieg angefangen ohne eine Möglichkeit, die Geheimmeldungen des größten Feindes und der stärksten Armee  zu lesen.

Leider sagte die politische Situation in Europa keine gute Zukunft Polens voraus. Das Schlimmste ahnend organisierten die Leiter des Chiffrebüros im Januar 1939 in Paris und vom 24 bis 26. Juli 1939 in Warschau ein Treffen mit den Sicherheitsdiensten Frankreichs und Englands. Damals lüfteten die Polen das streng bewahrte Enigma-Geheimnis und seine Lösung den Verbündeten. Es war der erste, und nicht der letzte Anteil Polens im Kampf gegen den gemeinsamen Feind Deutschland. Im September 1939 griff die deutsche Armee Polen an. Das polnische Chiffrebüro und seine Mitarbeiter wurden nach Rumänien evakuiert, dann weiter nach Frankreich, wo die Kryptographen weiter an dem Enigma-Rätsel gearbeitet haben.

Und in dem englischen Dekodierungszentrum Bletchley Park nutzten die begabtesten Mathematiker die polnischen Erkenntnisse einen davor noch hoffnungslosen Kampf gegen die Deutschen zu führen.

Lech Maziakowski
© Fotos: Lech Maziakowski